Stadtaffen 03.05. bis 08.06.2013

 

Tilman Küntzel - Installation "Vogelbaum" (Detail)

 

Astrid Bathe - Malerei

 

Vernissage:  Freitag, den 03. Mai 2013  um 18:00 Uhr

 

Begrüßung: Tanja Paskalew

Es spricht Dr. Gerhard Charles Rump

 

Ausstellung: 03. Mai bis 08. Juni 2013

 

 "Angesagter Affe" | Tondo 100 cm | Acryl und Lack auf Leinwand | 2012

 

Verweilen in Weisheit

 

 Zu den neuen Bildern von Astrid Bathe

 

Von Dr. Gerhard Charles Rump 

Die im Irrtum verharren sind die Narren, so sagte sinngemäß Friedrich Rückert, der Dichter und Orientalist (1788-1866). Wir wollen ihm gern beipflichten. Spielen Künstler bisweilen auch den Narren in der Gesellschaft um dieser zu zeigen wie närrisch sie ist, so sind sie niemals Narren im Sinne der im Irrtum haftenden. Denn sind sie Künstler, stehen sie nie still, schreiten beständig fort, prüfen Erprobtes, verwerfen Ungeeignetes, stellen Versuche an mit Neuem und formulieren ästhetisch organisierte Aussagen, kurzum: dienen der Weisheit. Vor allem auch der visuellen, so sie etwa Maler sind. 

Die Wolken des Himmels ziehen vorbei, meist gemächlich, manchmal in maßvoller Eile, sie bilden Bilder und Formen, die wir gern aufnehmen und deuten. Um das tun zu können, braucht es so genannte Kondensationskerne. Kleine Feststoffpartikel, die Wasser zu Wasserdampf und Feuchtigkeit zu Wolken werden lassen. Gemalte Bilder funktionieren auch ein wenig wie Wolken. Nicht nur, was ihre Macht von Gedankenverbindungen angeht, sondern auch, indem sie Assoziationskerne bereitstellen, die weitere Bilder im Kopf des Betrachters entstehen lassen.

Dieser Prozess der kreativen Betrachteraktivität, der vielleicht zu einem Grund für Beuys’ Diktum vom Jedermannkünstler gereichte, und der dennoch keinesfalls ein Freifahrtschein für puren Subjektivismus abgibt, ist anthropologisch grundlegend. So wie Goethe wusste, dass das Auge die Sonne nur erblicken kann, weil es selbst sonnenhaft ist, so erkennt der Betrachter Malerei, weil er selbst darauf hin angelegt ist. Ohne deshalb selbst Maler zu sein.

Die Assoziationskerne der Malerei kleiden sich in mannigfache Gewänder. Etwa in Entsprechungen von Farben und Formen, in wie Fahlhelle aufblitzende Motive, in Spuren, Bruchstücke, Andeutungen. Aus denen bildet der Betrachter seine Anschauung, die aber durch die Vorgaben des Künstlers geleitet und beeinflusst wird. Das hat viel mit Weisheit zu tun, denn in der Kunst bedeutet Weisheit das Vorhandensein und die Aktivierung von ungewohnt tief reichende Einsichten in das Gefüge von Bildgesetz und Motiv, Ästhetik und Gefühl, Natur, Leben und Kunst, ästhetischer Kompetenz und schließlich das damit verbundene Denk-, Erkenntnis- und Handlungsvermögen. 

Astrid Bathe führt und viel von jenem vor, ohne dabei den Willen zu haben, alles davon auf der Bühne ihrer Kunst auftreten zu lassen. In ihrer bewusst gewählten Zwischenwelt im Spannungsfeld von dinghafter Konkretisation und lyrisch-flüchtiger Abstraktion (was auch ins Gegenteil umschlagen kann), einem Umfeld, in dem jedes Element seine Rolle mit jedem anderen auch tauschen kann, es aber nicht beständig tut, muss der Betrachter sich permanent entscheiden, so wie die Malerin sich im kreativen Prozess von einer bildnerischen Entscheidung zur anderen gekämpft hat. Sie bringt den Betrachter so zum Verweilen in Weisheit, um seine Einsichten in das Gefüge von Bildgesetz und Motiv, Ästhetik und Gefühl, Natur, Leben und Kunst sowie ästhetischer Kompetenz zu fördern. Daraus entsteht dann ein rezeptives Handlungsvermögen, Einsicht in die Kunst, Einsicht in das Leben.

Die fast schon fröhlich unbekümmerte Weise des Umgangs mit und der Anwendung von bildnerischen Modi, vom autonomen Farbverlauf bis zur gedruckten Schrift, ihre umfassende Verwirklichung von Sprache im Bildnerischen bestimmt Astrid Bathe als Stimme im ästhetischen Diskurs der Zeit; eine Stimme, die bereit ist alles das aufklingen zu lassen, was ihr bildlich nützt.

Dass sie sich dabei auch des Affenmotifs bedient, ist mehr als nur legitim. Immendorf hat geafft, der Chinese Huang He, und auch viele andere mehr. Der Affe ist durch sein Fast-Menschentum eine wirksame Kontrastfolie, vor der gesehen Vieles an Kontrastschärfe zunimmt und so Erkenntnis vermittelt, Einsichten schafft. Diese verbinden sich mit der Wucht der ästhetischen Erlebnisse zu einer einzigartigen Kunsterfahrung. 

Wilhelm Busch, um die Jahrhundertwende, dichtete in Bezug auf Affen:

Sie krauen sich,
Sie zausen sich,
Sie hauen sich,
Sie lausen sich,
Beschnuppern dies, beknuppern das,
Und keiner gönnt dem andern was,
Und essen tun sie mit der Hand,
Und alles tun sie mit Verstand,
Und jeder stiehlt als wie ein Rabe.
Paß auf, das siehst du heute.« -
»O Vater", rief der Knabe,
»Sind Affen denn auch Leute?« -
Der Vater sprach: »Nun ja,
Nicht ganz, doch so beinah.«

 

Darin kann man durchaus eine gültige Darlegung dessen sehen, was das Affenmotiv in der Kunst transportieren kann. Das „beinah“, der Abstand (zwischen Affe und Mensch), in motivischer Gegenüberstellung im Bilde verwirklicht und ästhetisch geordnet, ist natürlich auch ein Ort, der mit ästhetischem Erleben zu füllen ist, gerade wie der zwischen dem, was das Bild als Ganzes heraufbeschwört und dem, was wir kennen.

Die Einbettung in den Gesamtschöpfungszusammenhang, etwa dadurch, dass Pflanzen und auch andere Tiere mit auftauchen, hebt die Bildaussage auf eine Ebene allgemeiner Bedeutung. So relativieren sich durch die angesprochenen Bezüge Machtikonen wie die Quadriga von Schadow, werden zeitgenössische Unterhaltungsgebräuche ironisiert, der Prozess der Zivilisation (nach Norbert Elias) verstärkend begleitet. Ja, in der Tat ist es so, dass der Motivbestand in einem Bild eine Figuration interdependenter Elemente ist und jenseits von Bekrittelungsfähigkeit der von Elias beschriebenen gesellschaftlichen Konstellation entspricht, die selbst ja auch Ausdruck eines universellen Ordnungsprinzips ist, das nur im subatomaren Bereich, in der Quantenphysik, aufgehoben wird.

Der kritische Gegenstrom gegen allzu verbindliche und damit suppressive und anti-emanzipatorische  Zivilisiertheit liegt im wilden, expressiven Duktus der Malerei und der polyzentristischen Komposition, des Bildarrangements mit Verwischungen und Durchdringungen, Zuckungen und dem Wechsel lauter und stiller Bildmomente. Diese Widerregungen beeinflussen den ganzen rekapitulierten zivilisatorischen Prozess, die kulturelle Entwicklung im Einbringen in den ästhetischen Diskurs der Zeit. Will sagen: Dadurch, dass nicht-affirmative Bilder, Gemälde mit kritischem Potenzial ausgestellt werden und so in der Kunstwelt aktive Elemente werden, wird der Gesamtprozess beeinflusst. Und auch das bedeutet einen weiteren Schritt hin zur Weisheit, derer unsere Welt ja so dringend bedarf.

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